Vorteil – Nachteil - Prinzip

1998 wurde das "Vorteil – Nachteil – Prinzip" in das Regelwerk aufgenommen. Die SRK möchte mit dem hier abgedruckten Referat von Norbert Kucera zum besseren Verständnis dieses Grundprinzips beitragen. Es verlangt von allen am Spiel Beteiligten ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen.

Im Interesse der Weiterentwicklung des RBB -Spiels hofft die SRK, dass das Vorteil – Nachteil – Prinzip von den Schiedsrichtern konsequenter als bisher angewendet und von Spielern und Trainern zunehmend – auch in den unteren Ligen - akzeptiert wird. Hierbei handelt es sich sicherlich um einen langwierigen Prozess, der gemeinsam bewältigt werden muss.

Wachtberg, den 30.10.2001           Werner Otto, Vorsitzender der SRK

Vorteil – Nachteil – Prinzip

Referat von Norbert Kucera
Präsident der Technischen Kommission der IWBF World und Mitglied der SRK des FA RBB
gehalten am 15.09.2001 auf dem Fortbildungslehrgang für BL-SR in Bonn
(bezüglich der Artikelnummern der Regeln überarbeitet am 20.11.2007)

Seitdem in den RBB-Regeln das Prinzip von Vor– und Nachteil eingeführt wurde, herrscht starke Verunsicherung über dessen Anwendung.

Im Konfliktpotenzial zwischen den Schiedsrichtern auf der einen und Trainern / Spielern auf der anderen Seite nimmt dieser Regelteil (neben dem immer wieder und vielleicht damit im Zusammenhang stehenden Bereich der Beurteilung von Offensivfoul / Defensivfoul) einen Spitzenplatz ein.

A. Vorteil – Nachteil

Was ist Vorteil / Nachteil?
Ist nicht jeder erzielte Vorteil des einen zugleich ein Nachteil für einen anderen?
Erklärt sich nicht die Existenz des Vorteils ausschließlich aus der des Nachteils?

Spielbeginn: Ist es schon ein Vorteil, wenn eine Mannschaft nach dem Hochball die Ballkontrolle erlangt? Ja, denn Ziel des Spiels ist es, den Ball in den Korb des Gegners zu werfen. Daher befindet sich – im Hinblick auf das Ziel des Spiels – die Mannschaft mit Ball in einem Vorteil und die Mannschaft ohne Ball in einem Nachteil.

Verhält sich die Gegenmannschaft regelkonform, so wird die ballführende Mannschaft diesen Vorteil inne haben, bis sie durch den Verlust des Balles diesen Vorteil an die Gegenmannschaft abgibt.

Setzt sich nun die Mannschaft ohne Ball durch regelwidriges Verhalten so ein, dass die Mannschaft mit Ball ihr Ziel (den Ball in den Korb der Gegner zu werfen) wegen dieser Regelwidrigkeit nicht erreichen kann, so muss das der Schiedsrichter durch sein Eingreifen verhindern.

Setzt sich die Mannschaft mit Ball durch regelwidriges Verhalten so ein, dass die Mannschaft ohne Ball am Erreichen ihres Ziels gehindert wird, so muss auch das der Schiedsrichter durch sein Eingreifen unterbinden.

B. Vorteil – Nachteil  bei  Kontakten

Explizit erwähnen die Regeln das Prinzip von Vorteil und Nachteil erst in Art. 43 (Kontakte / Regeln 2000). Es wird so dargestellt, als sei es schon in der Präambel der Regeln als der "rote Faden“ für das Tun und Handeln des Schiedsrichters definiert worden. (In den Regeln 2006 wird das Prinzip Vorteil / Nachteil in Artikel 47 "Pflichten und Rechte der Schiedsrichter" unter 47.3 aufgeführt.)

Bezüglich der Entscheidung, ob Kontakte bestraft werden sollen oder nicht, geben die Regeln folgende Richtlinien für die Anwendung des Prinzips von Vorteil und Nachteil:

1. soll der Spielfluss nicht unnötig unterbrochen werden. Eine Spielunterbrechung ist dann "unnötig", wenn ein Kontakt geahndet wird, der dem Verursacher keinen Vorteil und dem Gegner keinen Nachteil bringt.

2.  soll das Prinzip von Vorteil und Nachteil während des gesamten Spiels gleichmäßig angewendet werden.

Zwei Beispiele sollen die Überlegungen zur Abwägung von Vorteil und Nachteil erläutern:

Beispiel 1:
Spieler B4 klemmt A5, während A7 gerade einen erfolgversprechenden Assist zu A9 gibt. Das Klemmen von B4 sollte unbeachtet bleiben, weil diese regelwidrige Aktion keinen Einfluss auf das Ziel des Spiels (den Ball in den Korb des Gegners zu werfen) hat, und damit ist auch kein Vorteil / Nachteil in Hinblick auf das Spielgeschehen entstanden.

Zwar ist natürlich A5 in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden und hat vielleicht einen persönlichen Nachteil erlitten, der aber für das Gesamtspielgeschehen unbeachtlich ist. Ein Foulpfiff wäre nicht im Sinn des Spiels.

Es ist also nicht entscheidend, ob der Spieler persönlich einen Nachteil erlitten hat, sondern seine Mannschaft – in Bezug auf das Spielgeschehen.

Beispiel 2 (sehr nahe an Beispiel 1):
A5 klemmt B4 , während A7 gerade einen erfolgversprechenden Assist zu A 9 gibt.

Zunächst müssen wir überlegen, ob durch das Klemmen ein Vorteil für A5 entstanden ist. Sicherlich nicht. Denn seine Mannschaft spielt weiter und wird gleich einen Korb erzielen.

Dann müssen wir feststellen, ob durch die regelwidrige Aktion von A5 ein Nachteil für B4 entstanden ist.

Was wäre geschehen, wenn A5 seinen Gegenspieler B4 nicht geklemmt hätte? Kommen wir dabei zu dem Schluss, dass B4 dann einen Beitrag zum Ziel seiner Mannschaft (den Gegner daran zu hindern, einen Korberfolg zu erzielen) hätte leisten können, so wäre ggf. auf Foul von A5 zu entscheiden.

Bei dieser Überlegung gibt es für den SR wichtige Hilfen:

1. Der SR muss beachten, welche Art von Verteidigung Mannschaft B spielt.

Spielt sie eine Zonenverteidigung und wäre eine rechtzeitige Rückkehr von B4 auf seine Position ohne das Klemmen möglich gewesen, dann stellt sich die Situation anders dar, als wenn Mannschaft B eine Manndeckung spielt.

2. Der SR muss abschätzen, wie weit der Angriff von Mannschaft A bereits gediehen ist. Folgt dem Assist von A7 auf A9 der Wurf auf den Korb (1 gegen 0), so kann er davon ausgehen, dass auch ohne das Klemmen von A5 der Gegenspieler B4 niemals in das Geschehen hätte eingreifen können.

Ergebnis:

A5 hat durch sein Klemmen keinen Vorteil erlangt. Ein Nachteil für B4 wird sich aus der obigen Abwägung ergeben oder nicht ergeben.

Anmerkung: Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn sich A5 nach einem kurzen Klemmen von B4 absetzen kann und es dadurch zu einem Überzahlspiel kommt.

Zusammenfassung:

Der Nachteil des "Gegenspielers“ ergibt sich aus der Abwägung, welche Auswirkungen der regelwidrige Kontakt des Verursachers auf das Ziel des Spieles hat.

Der Vorteil des verursachenden Spielers ergibt sich aus der Abwägung, welche Auswirkungen der regelwidrige Kontakt auf das Ziel des Spieles seines Gegenspielers hat.

Die Beurteilung von Vor- oder Nachteil ist also stets in Bezug auf das jew. Ziel des Spieles zu bewerten.

1. Ziel einer Mannschaft in Ballkontrolle ist es, einen Korberfolg zu erzielen.

1.1 Wird dieses Ziel durch einen regelwidrigen Kontakt eines Mitspielers erleichtert, beschleunigt oder gefördert, entsteht dadurch für die angreifende Mannschaft ein Vorteil.

1.2 Wird die Mannschaft in Ballkontrolle durch einen regelwidrigen Kontakt eines Gegenspielers beim Erzielen eines Korbes gestört oder behindert, entsteht für sie ein Nachteil.

2.  Ziel einer Mannschaft ohne Ball ist es, die Ballkontrolle zu erlangen bzw. den Gegner am Erzielen eines Korbes zu hindern.

2.1 Gelangt die Mannschaft durch einen illegalen Kontakt eines Mitspielers in Ballkontrolle bzw. verhindert sie dadurch einen Korberfolg des Gegners, so entsteht für sie ein Vorteil.

2.2 Ein Nachteil aus einem illegalen Kontakt des Gegners liegt vor, wenn die Mannschaft ohne Ball dadurch am Erreichen ihres Spielauftrags (s. Ziffer 2) gestört oder behindert wird.

C. Klassifizierung / Punktesystem

Es stellt sich die Frage, ob das Prinzip von Vorteil/Nachteil mit dem unterschiedlichen Grad der Behinderung der einzelnen Spieler vereinbar ist.

Die Existenz des Klassifizierungssystems zieht klar die Aussage nach sich, dass sich während des Spiels – in ihren körperlichen Möglichkeiten – unterschiedliche, ja ungleiche Spieler auf dem Spielfeld aufhalten müssen.

Daraus ergibt sich Folgendes:

Ein 4-Punkte Spieler, der mit einem bestimmten körperlichen Kraftaufwand einen Kontakt an einem Gegenspieler, der ebenfalls ein 4-Punkte-Spieler ist, verursacht, kann bei gleichem Kraftaufwand mit diesem Kontakt bei einem 1-Punkte-Spieler eine völlig andere Wirkung erzielen.

Zwei 4-Punktespieler A4 und B4 können sich durchaus "behaken“, also Kontakt aufnehmen und Kraft auf den jeweiligen Gegenspieler ausüben, ohne dass dies für den einen oder den anderen Spieler ein Vor- oder Nachteil wird.

Würde der 4-Punktespieler A4 den gleichen Kontakt an dem 1-Punktespieler B1 verursachen (z.B. Schieben), so wird B1 Mühe haben, seine Position zu halten oder wird sie sogar verlieren. Hier erlangt A4 durch das regelwidrige Einwirken einen Vorteil und B1 erleidet einen Nachteil.

Dieser Vor/Nachteil kann durch das Punktesystem – in Bezug auf den einzelnen Spieler – nicht gelöst werden.

Der SR hat bei der Beurteilung von Kontakten und deren Auswirkungen auf die jeweiligen Spieler stets nur das Resultat zu bewerten, nicht aber den Grad der Behinderung.

Führt diese Abwägung zu einem Vorteil des Verursachers oder zu einem Nachteil des Gegenspielers, so ist der Kontakt als Foul zu ahnden.

Auch hier ist zu beachten, dass stets die Auswirkungen auf die entsprechenden Ziele der Mannschaften die Grundlage für die Abwägung von Vorteil und Nachteil darstellen.

Beispiel 1:
A4 schiebt B1 direkt am Zonenrand aus seiner Position. Anschließend erhält er den Ball zugepasst und erzielt 2 Punkte.
Foul, da A 4 durch den Kontakt in diese Position (Vorteil) gekommen ist.

Beispiel 2:
A4 schiebt B1 direkt am Zonenrand aus seiner Position. Gleichzeitig wirft Teamkollege A6 erfolglos auf den Korb.
Foul, da A4 durch den Kontakt eine bessere Position (Vorteil) zum Rebound erhalten hat.

Beispiel 3:
A4 schiebt B1 direkt am Zonenrand aus seiner Position, während der Ball in Folge eines Korbwurfes von A6 in der Luft ist. Der Wurf ist erfolgreich.
Kein Foul, da die Position von B1 in dieser Situation uninteressant ist, damit also kein Vorteil für A4.

D Kontaktverursachung mit Nachteil für den Verursacher

Wir kennen auch Situationen, in denen sich ein Spieler durch eine Kontaktaufnahme keineswegs in eine "persönliche“, also individuelle Vorteilslage bringt.

Beispiel:
A5 (ohne Ball) schneidet zu früh in die Bahn des Gegenspielers B5. Beim Kontakt verhakt sich das große Rad seines Rollstuhls mit der Fußraste des Gegners so, dass A5 aus dem Rollstuhl fällt. Der Angriff seiner Mannschaft wird derweil auf der anderen Seite des Spielfeldes fortgesetzt.

Wird B5 bei dieser Aktion in der Wahrnehmung seiner Spielziele nicht beeinträchtigt, so ist nicht zu pfeifen.

E Vorteil – Nachteil bei Regelübertretungen

Das Vorteil – Nachteil – Prinzip ist nicht nur bei der Beurteilung von Kontakten, sondern auch bei Regelübertretungen anzuwenden, vor allem in Bezug auf Art. 17 (Einwurf), Art. 24 (Dribbelfehler), Art. 25 (Schubfehler) und Art. 26 (3-Sekunden-Regel) / Regeln 2006).

In diesen Fällen wird die Anwendung des Vorteil – Nachteil – Prinzips von Spielern und Trainern inzwischen mehrheitlich akzeptiert.

Beispiel 1:
Nach Korberfolg wird der Ball von A5 an der Grundlinie eingeworfen, während die Gegenspieler zur Verteidigung schon in die eigene Hälfte zurückgefahren sind. Beim Einwurf befindet sich A5 mit den Vorderrädern bereits im Spielfeld.

Diese Regelübertretung ist nicht zu pfeifen, da sie ohne Einfluss auf das Spielgeschehen ist.

Beispiel 2:
Nach Korberfolg wirft A3 den Ball zu A4 ein, der mit dem Rücken zur Angriffsrichtung steht. A4 dreht seinen Rollstuhl, schiebt dann 2 mal, bevor er (noch in seinem Rückfeld) mit dem Dribbling beginnt. Die Spieler von Team B befinden sich zur Verteidigung bereits in der eigenen Spielfeldhälfte.

Da dieser Schubfehler keinen Einfluss auf das Spielgeschehen hat, ist er von den Schiedsrichtern nicht zu ahnden.

F Weitere Gesichtspunkte

F.1    Foulbelastung der Spieler:
Immer wieder gibt es Trainer und Spieler, die die Foulbelastung des Gegenspielers (ein Foul bedeutet 1/5 Ausschluss des "Täters" vom Spiel) in ihr taktisches Kalkül mit einbeziehen und daher jede Kontaktverursachung als Foul geahndet sehen wollen. Führt also jeder vom SR nicht geahndete Kontakt zu einem Nachteil für die Gegenmannschaft?

Die klare Antwort darauf kann nur lauten, dass sich das Prinzip von Vorteil und Nachteil, das die Regeln beinhalten, keinesfalls auf Bestrafungen bezieht.

Die Bestrafung einer Regelverletzung als Fakt für sich alleine kann nicht in die Abwägung von Vorteil und Nachteil einbezogen werden.

F.2    Besondere Situationen:
Es gibt Situationen, in denen eine Anwendung des Vorteil – Nachteil – Prinzips nicht sinnvoll ist.

Gemeint sind vor allem Situationen, in denen die Spielkontrolle zu entgleiten droht oder in denen der gesunde Menschenverstand nicht bei allen Spielteilnehmern vorhanden ist. Dann wird es ggf. notwendig sein, den Kontakt als solchen bereits zu ahnden.

F.3    Unsportliches Verhalten:
Selbstverständlich beziehen sich die Ausführungen nicht auf unsportliches Verhalten oder unsportliche Fouls, die unverzüglich zu ahnden sind.

Schlussbemerkung:

Die Überlegungen machen deutlich, dass an den Schiedsrichter  im modernen Basketball hohe Anforderungen gestellt werden.

Während man in den "guten alten Zeiten" jeden Kontakt als Foul ahnden konnte – (Basketball als "körperloses Spiel") – , befindet sich der SR heute andauernd in Situationen, in denen er zur Abwägung gezwungen wird, die stets in Bezug auf das Spielgeschehen zu treffen sind.

Bonn, im September 2001
Norbert Kucera
Präsident der Technischen Kommission der IWBF World
und Mitglied der SRK des FA  RBB